Montagen des Zufälligen
Die Welt zwischen Kiosk und Science Fiction
Von Hans Irrek
 
Die dieser Tage in der Galerie Olaf Stüber ausgerichtete Schau mit Arbeiten von Stefan Ettlinger und Heinz Hausmann richtet den Blick auf eine Generation von Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie, die trotz ihrer noch jungen Jahre bereits auf die breite Basis einer gemeinsamen Geschichte bauen können.
 
Die Herkunft Ettlingers und Hausmann aus einer der impulsivsten und fruchtbarsten Zellen der Düsseldorfer Kunstakademie, der Klasse Hüppi, ist zugleich Garant für eine ebenso unabhängige wie kontinuierliche Entwicklung, die sich unbeeindruckt von den Programmen des Aktuellen zeigt.
 
Der konzentrierte Individualismus dieser Gruppe findet seine gemeinschaftliche Komponente in einer Vielzahl von Gruppierungen und Aktivitäten. In den achtziger Jahren dominiert die 'anarchistische Gummizelle' zu deren Mitgliedern neben Ettlinger und Hausmann der Bildhauerund Maler Betram Jesdinsky, der Arzt und Filmemacher Ulrich Sappok, sowie Otto Müller und Thorsten Ebeling gehören. Es ist ein ganz eigener Kosmos der hier entsteht: Filme, Aufführungen, Plakate, Musikstücke, Feste und Ausstellungen. Zweifellos ist die historisch bindende Koordinate hier der Dadaismus. Der Hang zur Gemeinschaftsaktion fächert sich in den folgenden Jahren noch breiter auf: Stationen dieser Erfahrung sind die gemeinsam betriebene Künstler-Bar WP8 und der Ring-Club, der mit festem Kern und wechselnder Besetzung Ausstellungen und Vortragsabende bespielt.
 
Beide, weder Ettlinger noch Hausmann liefern schlüssige Definitionen für ihr Tun. Die ungeheure Energie, der enzyklopädische Hunger, mit dem sie Bilder aus dem Strom der Zeit saugen und schließlich in einem Destillat von Zeichnungen, Bildern und Collagen wieder auswerfen, hält den Luxus unerwarteter Begegnungen in der Hinterhand.
 
Ettlinger, der in den letzten Jahren zunehmend futuristische Elemente in das Territorium seiner Malerei aufgenommen hat, öffnet den Raum in Überblendungen und Montagen. Filmsequenzen und Augenblickaufnahmen bilden die Basis dieser oft überraschenden Bilder, die uns weit über das abgebildete hinausführen. Die Nähe zur Sprache des Films ist überdeutlich, unter der frappanten Folie des Malerischen bewegt sich Ettlinger auf die riskanten Fragen von Synchronität und Raumzeit zu.
 
Schon der erste Blick auf die Zeichnungen und Collagen Heinz Hausmanns gibt die lustvolle Beschäftigung mit Seziermesser und Wasserfarben frei. Es ist die Poetisierung des Alltags die hier vorangetrieben wird. Das zeichnerische Werk, mehrere hundert Blätter, fährt mit einer fulminaten Fülle an Einfällen auf. Der Fundus hierfür ist vielfältig: italienische Sportzeitungen, Embleme französischer und englischer Sportclubs, Vogue und Marie-Claire, Tüten des Pariser Kaufhauses Tati, Teppichmuster, Echsen, Steffi Graf und Maria Callas. Ein ästhetisches Reservoir ohne Limit.
 
Bedenken wir schließlich, dass solche Bilder wie wir sie bei Ettlinger und Hausmann finden, in ihrem ersten Impuls aus einer ungeheuren Neugier an der Welt resultieren. Man fühlt sich bei ihrem Anblick an die Bemerkung des französischen Fotochronisten Jacques Henri Lartigue erinnert, der diesen Zustand der permanenten Spannung gültig faßt: 'I was always looking for more'.